1966 stellte Joseph Weizenbaum am MIT ein Programm vor, das Gespräche führte. Es suchte nach Schlüsselwörtern, stellte Sätze um und verstand kein einziges Wort davon. Trotzdem baten Menschen darum, mit ihm allein gelassen zu werden, darunter Weizenbaums eigene Sekretärin. Was ihn daran erschreckte, machte andere neugierig, und der Streit darüber, ob Programme seelische Gespräche führen sollten, ist bis heute nicht entschieden. Weizenbaums Quelltext galt fünfundfünfzig Jahre lang als verschollen und tauchte erst 2021 in einer Archivkiste wieder auf.
Diese Seite erzählt die Geschichte dieses Programms, von einem Kürschnersohn aus Berlin bis zu den Therapie-Chatbots der Gegenwart. Oben können Sie mit ELIZA sprechen.
DER MENSCH
Der Junge aus Berlin
Joseph Weizenbaum kam am 8. Januar 1923 in Berlin zur Welt, als Sohn eines Kürschnermeisters. Die Familie lebte in gesicherten Verhältnissen am Gendarmenmarkt, mitten in der Stadt. Es war ein Elternhaus, in dem nach unten Abstand gehalten wurde. Als der Junge einmal einen Freund aus ärmlichen Verhältnissen mit nach Hause brachte, fuhr der Vater ihn an, was ihm einfalle, „so einen dreckigen Ostjuden in unser Haus zu bringen". Die Familie war selbst jüdisch.
Ein paar Jahre später spielten solche Unterschiede keine Rolle mehr. Vom Frühjahr 1933 an drängte das Regime jüdische Schüler aus den höheren Schulen, zuerst über eine Quote, dann über eigene jüdische Schulen. Mitte der dreißiger Jahre musste Weizenbaum das Luisenstädtische Realgymnasium verlassen und auf die Jüdische Knabenschule wechseln. Anfang 1936 verließ die Familie Deutschland über Bremerhaven und ging nach Detroit.
Dort begann er 1941 ein Mathematikstudium an der Wayne State University. Ein Jahr später unterbrach der Kriegsdienst das Studium, er kam zum Wetterdienst der amerikanischen Luftstreitkräfte. Erst danach kehrte er an die Universität zurück und schloss 1950 ab. Von Mitte der fünfziger Jahre an arbeitete er bei General Electric im Computer Development Laboratory und baute dort Computer, in einer Zeit, in der ein Computer noch ein ganzes Zimmer füllte.
1963 holte ihn das Massachusetts Institute of Technology.
DIE MASCHINE
Der Rechner am MIT
Ans MIT kam Weizenbaum wegen einer Software. Er hatte eine Programmbibliothek geschrieben, mit der sich Listen verarbeiten ließen, SLIP, kurz für Symmetric List Processor. Das klingt unscheinbar, war aber die Voraussetzung dafür, dass ein Computer mit etwas anderem umgehen konnte als mit Zahlen, etwa mit Wörtern und Sätzen.
Gerechnet wurde auf einer IBM 7094, einem Großrechner von 1962, der ein eigenes Zimmer und eine eigene Klimaanlage brauchte. Den Benutzern standen 32 768 Speicherwörter zu je 36 Bit zur Verfügung, nach heutiger Zählung rund 147 Kilobyte. Für die Zeit war das eine erstklassige Ausstattung, und an diesem einen Rechner arbeiteten viele Leute gleichzeitig.
Darin lag das Entscheidende, mehr noch als in der Technik. Am MIT lief CTSS, das erste allgemein einsetzbare Timesharing-System der Welt. Davor gab man seine Lochkarten am Schalter ab und holte das Ergebnis Stunden später als Ausdruck wieder ab. Mit CTSS saßen mehrere Leute gleichzeitig an Terminals, tippten etwas und bekamen sofort eine Antwort. Ohne diese Möglichkeit wäre ELIZA sinnlos gewesen. Ein Gespräch, auf dessen Antwort man vier Stunden wartet, ist kein Gespräch.
Auf diesem Rechner entstand zwischen 1964 und 1966 das Programm. Und hier lohnt eine Unterscheidung, die fast immer untergeht. ELIZA war nicht der Therapeut. ELIZA war der Teil, der Sätze zerlegt und wieder zusammensetzt. Was daraus einen Therapeuten machte, war eine Datei mit Regeln, die daneben lag. Weizenbaum nannte sie ein Skript und gab ihr den Namen DOCTOR. Ein anderes Skript, und dasselbe Programm hätte über etwas völlig anderes geredet.
Den Namen ELIZA lieh er sich bei George Bernard Shaw. In dessen Pygmalion bringt ein Sprachwissenschaftler dem Blumenmädchen Eliza Doolittle bei, wie man spricht. Auch seinem Programm, sagte Weizenbaum, könne man das Sprechen Schritt für Schritt beibringen.
Im Januar 1966 stellte er es in den Communications of the ACM vor. Er beschrieb das Verfahren offen und druckte das DOCTOR-Skript im Anhang vollständig ab. Wer wollte, konnte nachlesen, nach welchen Regeln das Programm antworten sollte. Auf die Wirkung hatte das keinen Einfluss.
DAS VERFAHREN
Warum ein Therapeut
Weizenbaum brauchte eine Rolle, in der Unwissenheit nicht auffällt.
Das ist der ganze Grund. Ein Programm, das über die Welt reden soll, müsste die Welt kennen, und Mitte der sechziger Jahre kannte kein Programm die Welt. Ein Psychotherapeut aber, jedenfalls einer nach der Schule des amerikanischen Psychologen Carl Rogers, stellt keine eigenen Behauptungen auf. Er nimmt auf, was sein Gegenüber sagt, und gibt es als Frage zurück. Weizenbaum hat das später an einem Beispiel erklärt: Ein Therapeut dürfe sagen „Erzählen Sie mir von der Fischereiflotte in San Francisco", ohne dass jemand daraus schließt, er wisse nichts über Fischereiflotten. In jeder anderen Rolle wäre dieselbe Frage entlarvend.
Die Rolle versteckt also nicht, dass das Programm ahnungslos ist. Sie macht die Ahnungslosigkeit zur Methode.
Was darunter arbeitet, ist erstaunlich schlicht. ELIZA durchsucht jeden Satz nach Schlüsselwörtern. Findet sie eines, zerlegt sie den Satz an dieser Stelle und baut ihn nach einer hinterlegten Vorlage wieder zusammen. Aus „Ich bin traurig" wird „Seit wann sind Sie traurig".
Beim Zusammensetzen passiert der eigentliche Kunstgriff. Das Programm dreht die Person um. Aus ich wird Sie, aus mein wird Ihr. Der Satz kommt zurück, nur ist er jetzt an den gerichtet, der ihn eben gesagt hat.
Nicht zu jedem Schlüsselwort gehört eine Umformung. Manche ziehen fertige Antworten nach sich, die mit der Eingabe nichts mehr gemein haben. Das Wort Bruder steht in einer Liste, die zur Familie gehört, und wer es erwähnt, bekommt „Erzählen Sie mir mehr über Ihre Familie" zu hören, ganz gleich, was er über den Bruder gesagt hat.
Stehen mehrere Schlüsselwörter in einem Satz, entscheidet eine Rangfolge. „Meine Mutter versteht mich nicht" enthält mein und Mutter. Weizenbaum hat der Familie den höheren Rang gegeben, deshalb fragt das Programm nach der Mutter und nicht nach dem Besitz.
Findet ELIZA gar nichts, greift sie zu unverfänglichen Sätzen. Bitte sprechen Sie weiter. Oder sie holt einen Halbsatz von vorhin hervor, den sie sich gemerkt hat, und schiebt ihn ein, als wäre er ihr gerade eingefallen.
Das ist alles. Kein Wissen, keine Absicht, kein Verständnis eines einzigen Wortes.
DIE WIRKUNG
Was dann geschah
Das Programm sprach sich am MIT herum, und wer es ausprobierte, blieb länger sitzen als vorgesehen.
Am bekanntesten ist die Geschichte von Weizenbaums Sekretärin. Sie hatte über Monate zugesehen, wie das Programm entstand. Sie wusste, dass es nach Schlüsselwörtern sucht und Sätze umstellt, sie wusste es aus nächster Nähe. Trotzdem bat sie ihren Chef nach wenigen Sätzen, den Raum zu verlassen. Sie wollte mit dem Programm allein sein.
An dieser Stelle kippt die Geschichte. Bemerkenswert ist nicht, dass jemand hereinfiel, der nichts von Computern verstand. Bemerkenswert ist, dass Wissen nicht davor schützte.
So ging es weiter. Menschen vertrauten dem Programm Dinge an, die sie einem Menschen nicht gesagt hätten. Manche wollten wissen, ob es sie verstehe. Manche kamen wieder.
Zehn Jahre später hat Weizenbaum das in seinem Buch Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft beschrieben. Er habe nicht begriffen, schrieb er, „dass sehr kurze Kontakte mit einem verhältnismäßig einfachen Computerprogramm bei ganz normalen Menschen mächtiges Wahndenken auslösen können".
Dafür hat sich später ein Name eingebürgert, der ELIZA-Effekt. Gemeint ist die Neigung, in den Ausgaben eines Programms mehr zu sehen, als darin steckt, und ihm Absicht, Verstehen oder Anteilnahme zu unterstellen.
Weizenbaum wollte mit seinem Aufsatz zeigen, wie wenig nötig ist, um diesen Eindruck zu erzeugen. Viele Leser verstanden ihn genau umgekehrt und lasen das Programm als den vielversprechenden Anfang einer neuen Technik.
DER BRUCH
Der Streit
Der Stanford-Psychiater Kenneth Colby hatte sich früh für ELIZA interessiert. Wo Weizenbaum eine Täuschung sah, sah Colby ein Werkzeug. Noch 1966 veröffentlichte er einen der ersten Berichte über computergestützte Psychotherapie, und er baute später ein eigenes Programm namens PARRY, das statt eines Therapeuten einen paranoiden Patienten spielte.
Sein Argument war die Reichweite. Therapeuten sind knapp und teuer, Rechenzeit lässt sich vervielfachen, und ein Programm könnte Menschen erreichen, die sonst niemanden haben. Damit stand Colby nicht allein. Auch der Astronom Carl Sagan, damals einer der bekanntesten Wissenschaftsvermittler der USA, stellte sich vernetzte Terminals vor, an denen Menschen therapeutische Gespräche führen könnten.
Weizenbaum nannte die Vorstellung obszön.
Daraus wurde ein Streit über die moralischen Grenzen der Automatisierung, der Jahrzehnte dauerte. 1976 legte Weizenbaum seine Begründung in dem Buch vor, aus dem auch der Satz im vorigen Abschnitt stammt, im Original unter dem Titel Computer Power and Human Reason. Auf Deutsch erschien es 1978. Sein Kernsatz lautet, es gebe Aufgaben, die man Computern nicht übertragen sollte, unabhängig davon, ob sie sie erledigen könnten. Nicht das Können sei die Frage, sondern das Dürfen.
Die Antwort aus dem eigenen Fach fiel scharf aus. John McCarthy, einer der Begründer der KI-Forschung, verwarf das Buch als „moralisierend und zusammenhanglos".
Ein Blick auf den Verfasser lohnt an dieser Stelle. Weizenbaum hat nicht als Kritiker angefangen. Er hatte zwei Jahrzehnte lang Computer gebaut und programmiert, bevor er öffentlich nach den Grenzen dieser Technik fragte. Und er hatte als Kind erlebt, wohin es führt, wenn eine Verwaltung Menschen nach Merkmalen einteilt und danach behandelt. Seine Tochter Miriam hat später betont, sein Humanismus habe seine Wurzeln darin, dass er im Europa der Zwischenkriegszeit aufwuchs.
1988 ging er am MIT in den Ruhestand. 1996 zog er zurück nach Berlin, in die Gegend, aus der er sechzig Jahre zuvor vertrieben worden war, und hielt dort bis ins hohe Alter Vorträge. Am 5. März 2008 starb er, fünfundachtzigjährig.
EINE ERINNERUNG
Ein Nachmittag 1980
Ein persönlicher Einschub
Ich bin ELIZA um 1980 zum ersten Mal begegnet. Ich war im Informatikkurs meiner Schule und verbrachte praktisch jeden Nachmittag an den Rechnern, die dort standen. Auf einem davon, einem Commodore CBM 4016, lief ELIZA in einer deutschen Fassung.
Der CBM 4016 war für eine Schule ein vernünftiges Gerät. Er kam 1980 auf den Markt, wurde für den europäischen Markt in Braunschweig montiert, hatte 16 Kilobyte Speicher und ein fest eingebautes BASIC.
Das Programm hat mich fasziniert, und ich habe mich nicht damit begnügt, mit ihm zu reden. Ich bin in den Code eingestiegen. Er war in BASIC geschrieben, also lesbar, wenn man sich die Mühe machte.
Von Joseph Weizenbaum wusste ich damals nichts. Ich kannte seinen Namen nicht und ahnte nichts von dem Streit, den dieses Programm ausgelöst hatte.
Und ich konnte nicht wissen, dass die Fassung vor mir mit Weizenbaums Programm nur die Idee gemeinsam hatte. Sie war ein Nachbau nach dem Aufsatz von 1966, wie die anderen ELIZA-Versionen, die damals auf Heimcomputern liefen. Den Originalcode hatte kaum einer ihrer Autoren je gesehen. Er galt als verschollen.
DER FUND
Verschollen und wiedergefunden
Verschollen blieb Weizenbaums Code bis 2021. In jenem Jahr durchsuchte der Programmierer Jeff Shrager gemeinsam mit dem MIT-Archivar Myles Crowley den Nachlass. Shrager hatte als Jugendlicher selbst eine dieser BASIC-Fassungen geschrieben, mehr als vierzig Jahre zuvor. In einer Kiste mit der Aufschrift „computer conversations, box eight" lag ein Ausdruck, und darin steckte, was fünfundfünfzig Jahre lang gefehlt hatte.
Der Weg von dort bis zu einem laufenden Programm war lang. Der Ausdruck musste von Hand abgetippt werden, denn Texterkennung scheitert an einem mehr als fünfzig Jahre alten Druck. Diese Arbeit übernahmen Anthony Hay und Arthur Schwarz. Der gesamte Stapel umfasst rund 2600 Zeilen, geschrieben in MAD, einer Programmiersprache jener Jahre, und in FAP, der Maschinensprache der IBM 7094. ELIZA selbst macht davon etwa 420 Zeilen aus, der Rest ist Weizenbaums SLIP-Bibliothek mit ihren Hilfsroutinen. Mehrere Funktionen fehlten im Ausdruck und mussten rekonstruiert werden. Ein einziger Tippfehler tief im Code verhinderte zunächst den Start.
Dabei kam Unerwartetes zum Vorschein. Die gefundene Fassung kann weniger, als Weizenbaums Aufsatz beschreibt. Mehrere Verfahren, die dort stehen, sind im Code nicht umgesetzt. Der Aufsatz beschrieb also stellenweise, wie das Programm arbeiten sollte, und nicht, wie es arbeitete. Und ein echter Fehler steckt darin: Gibt man eine Zahl ein, stürzt das Programm ab. Der Satz „you are 999 today" genügt.
Am 21. Dezember 2024 lief Weizenbaums Original wieder, auf einem nachgebauten CTSS und einer emulierten IBM 7094. Es führte vollständige Gespräche, zum ersten Mal seit fast sechzig Jahren, und die Antworten entsprachen nahezu dem, was 1966 im Aufsatz abgedruckt war.
Weizenbaums Nachlass hat den Code anschließend unter eine Gemeinfreiheitslizenz gestellt. Er gehört jetzt allen.
DIE GEGENWART
Was davon heute übrig ist
Der Streit zwischen Weizenbaum und Colby ist nicht entschieden worden. Er ist zurückgekommen, mit besserer Technik und mit Zahlen.
Menschen reden heute mit Chatbots über das, was sie bedrückt. Einer 2026 in JAMA Pediatrics veröffentlichten Untersuchung zufolge holen sich in den USA 19,2 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen dort seelischen Rat, also etwa jeder fünfte.
Seit kurzem gibt es dazu auch kontrollierte Studien. Im März 2025 erschien in der Fachzeitschrift NEJM AI die erste randomisierte Studie zu einem Therapie-Chatbot auf Basis eines Sprachmodells. Von 210 Erwachsenen mit Depressionen, Angststörungen oder einem hohen Risiko für Essstörungen nutzten 106 das Programm vier Wochen lang, die übrigen standen auf einer Warteliste. Bei den Nutzern gingen die Symptome deutlich stärker zurück. Und sie bewerteten ihre Bindung an das Programm ähnlich, wie Patienten die Bindung an einen menschlichen Therapeuten bewerten.
Nur ist das weniger, als es klingt. Wie stark eine Verbesserung ausfällt, misst man bei Depressionen meist auf dem PHQ-9, einem Fragebogen mit 27 möglichen Punkten. Von einem spürbaren Unterschied sprechen Fachleute dort üblicherweise ab fünf Punkten. Kommerzielle Chatbots kommen nach einer Auswertung auf rund 1,6 Punkte. Das untersuchte Programm lag mit etwa 3,5 Punkten Vorsprung gegenüber der Warteliste besser, aber ebenfalls unter dieser Schwelle. In einer Übersichtsarbeit in npj Digital Medicine über 39 Studien zu diesem Feld gelten zudem 35 als hoch verzerrungsanfällig, und die gemessenen Wirkungen lassen mit der Zeit deutlich nach.
Ein Befund wiegt schwerer als alle anderen. Untersuchungen der RAND Corporation und der Universität Stanford aus dem Jahr 2025 kommen übereinstimmend zu dem Ergebnis, dass Chatbots Suizidrisiko nicht zuverlässig erkennen.
In den USA ist das inzwischen Gegenstand von Gesetzen und Gerichtsverfahren. Illinois hat KI-Therapie im August 2025 verboten, Nevada bereits im Juli, Utah hat sie strengen Auflagen unterworfen, weitere Bundesstaaten folgten 2026. 44 Generalstaatsanwälte der US-Bundesstaaten schrieben im August 2025 einen gemeinsamen Brief an dreizehn KI-Unternehmen, in dem sie den Schutz von Kindern anmahnten. Gegen die Plattform Character.AI laufen mehrere Klagen, unter anderem nach dem Suizid eines vierzehnjährigen Nutzers im Februar 2024.
Womit vergleicht man das
Bleibt die Frage, womit man das eigentlich vergleicht. Der Einwand gegen die Studie lautet ja, sie habe gegen eine Warteliste gemessen, also gegen gar nichts. Für viele Menschen ist dieses Nichts die tatsächliche Lage. Nach einer Auswertung der Bundespsychotherapeutenkammer aus dem Jahr 2019 vergingen in Deutschland zwischen dem Erstgespräch und dem Beginn einer Psychotherapie im Schnitt 142 Tage. Bei Kindern und Jugendlichen waren es nach einer Befragung von 2024 mehr als ein halbes Jahr. Neuere Erhebungen der Krankenkassen kommen auf kürzere Zeiten, ein einheitliches Bild gibt es nicht.
Ein Platz ist zudem noch keine Behandlung. Als wichtigster Wirkfaktor einer Psychotherapie gilt die Beziehung zwischen Patient und Therapeut, und die stellt sich nicht auf Zuruf ein. Rund jede fünfte Behandlung wird abgebrochen. Wer die passende Person nicht findet, sucht weiter und wartet jedes Mal von vorn. Vor diesem Hintergrund ist ausgerechnet der Befund zur Bindung der bemerkenswerteste der ganzen Studie.
Eine Warteliste erkennt kein Suizidrisiko, so wenig wie ein Chatbot. Sie verspricht allerdings auch keine Nähe. Darin liegt der Unterschied und die eigentliche Gefahr dieser Programme. Sie erzeugen ein Verhältnis und versagen dann an der Stelle, an der alles davon abhängt.
Wohin es führt, wenn die Versorgungslücke groß genug ist, beschreibt ein Bericht des Magazins Rest of World über China. Dort fehlt in den meisten allgemeinen Krankenhäusern eine psychiatrische Abteilung, Termine sind teuer und werden meist selbst bezahlt, und zwischen Shanghai und den ärmeren Provinzen liegen beim Verhältnis von Therapeuten zu Einwohnern Faktoren im mittleren einstelligen Bereich. In einer Befragung der Sozialplattform Soul, gemeinsam mit dem Shanghai Mental Health Center, gab ein erheblicher Teil der jungen Teilnehmer an, schon mit einem Chatbot über seine seelische Verfassung gesprochen zu haben. Die Erhebung stammt von einem Anbieter, der von diesem Befund profitiert, und ist entsprechend zu lesen. Die Richtung bestätigen andere Berichte.
Damit stehen zwei Sätze nebeneinander, die beide stimmen. Diese Programme versagen dort, wo am meisten davon abhängt. Und sie sind womöglich die einzige Aussicht, die Lücke zwischen Bedarf und Behandlung wenigstens ansatzweise zu schließen. Keine der bisherigen Studien entscheidet das.
Weizenbaum hat diese Zahlen nicht gekannt. Er hatte nur eine Sekretärin, die ihn bat, den Raum zu verlassen. Sechzig Jahre später tun Millionen Menschen dasselbe, und niemand muss mehr darum bitten.
IN EIGENER SACHE
Was hier läuft
Bleibt eine Frage, die man nach dem Lesen an diese Seite stellen sollte. Mit wem haben Sie oben eigentlich gesprochen?
Nicht mit Weizenbaums Programm. Dessen Code setzt eine IBM 7094 und CTSS voraus und läuft ohne einen nachgebauten Großrechner auf keinem heutigen Computer. Genau das hätte der Einbau hier bedeutet.
Was stattdessen antwortet, stammt von Anthony Hay, einem der beiden, die den gefundenen Ausdruck abgetippt haben. Hay hatte ELIZA zunächst allein nach dem Aufsatz von 1966 nachgebaut. Nach dem Fund verglich er seine Fassung mit dem Original und schärfte sie nach, bis hin zu einem Fehler in Weizenbaums SLIP-Bibliothek, den er absichtlich mit übernahm. Näher kommt man dem Original ohne Großrechner nicht.
Auf Englisch spielt dieser Nachbau Weizenbaums Skript von 1966 ab, Wort für Wort so, wie es im Anhang des Aufsatzes steht. Der Schalter „English (1966)" unten am Bildschirm ruft es auf.
Die deutsche Fassung ist ein zweiter Schritt weg vom Original, und der Grund dafür ist eine Eigenheit unserer Sprache. Weizenbaums Kunstgriff lebt davon, dass englische Verben ihre Form behalten, wenn aus „I" ein „you" wird. „I feel" und „you feel" sehen gleich aus. Im Deutschen wird aus „ich fühle" ein „Sie fühlen". Der Rollentausch, das Herzstück des Verfahrens, braucht deshalb rund hundert eigene Regeln, die es bei Weizenbaum nicht gibt. Das deutsche Skript ist für diese Seite geschrieben. Aufbau, Rangfolgen und die Zahl der Antwortvarianten folgen Weizenbaums Vorlage, die Wörter nicht.
Es ist also ein Nachbau eines Nachbaus, in einer Sprache, die Weizenbaums Programm nie gesprochen hat.
Eines noch, nach allem, was im vorigen Abschnitt steht. Was Sie oben eingetippt haben, hat Ihren eigenen Rechner nicht verlassen. Das Programm läuft im Browser, fragt kein Sprachmodell und speichert nichts. Zwischen Ihnen und den Antworten liegt eine Datei mit Regeln, sonst nichts.
Zum Schluss ein Fund aus Weizenbaums veröffentlichtem Skript. Er hatte darin ein Schlüsselwort hinterlegt für den Fall, dass jemand DEUTSCH tippt, daneben FRANCAIS, ITALIANO und ESPANOL. Die Antwort lautet dann: „I am sorry, I speak only English." Der Mann, den man als Kind aus einer Berliner Schule geworfen hatte, hat seinem Programm ausgerechnet diese Antwort auf dieses Wort beigebracht. Was er sich dabei dachte, ist nicht überliefert. In unserer Fassung ist es umgedreht. Wer ENGLISCH eingibt, bekommt zu hören, dass hier nur Deutsch gesprochen wird.
QUELLEN
Woher die Angaben stammen
Zu Weizenbaum und ELIZA. Joseph Weizenbaum, ELIZA. A Computer Program For the Study of Natural Language Communication Between Man And Machine, Communications of the ACM, Januar 1966. Ders., Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft, Suhrkamp 1978. Biografische Angaben nach dem Weizenbaum-Institut Berlin, dem Blog des Heinz-Nixdorf-Forums und dem Smithsonian Magazine.
Zum Fund und zur Wiederbelebung. Rupert Lane, Anthony Hay, Arthur Schwarz, Jeff Shrager, David Berry, ELIZA Reanimated. The world's first chatbot restored on the world's first time-sharing system, arXiv 2501.06707, Januar 2025. Dazu elizagen.org und findingeliza.org.
Zu Therapie-Chatbots. Randomisierte Studie in NEJM AI, März 2025. Übersichtsarbeit in npj Digital Medicine, 2026. Nutzungszahlen nach JAMA Pediatrics, 2026. Zur Erkennung von Suizidrisiko Untersuchungen der RAND Corporation und der Universität Stanford, 2025.
Zur Versorgung in Deutschland. Auswertung der Bundespsychotherapeutenkammer auf Basis von Abrechnungsdaten aus 2019, veröffentlicht 2022. Befragung zur Versorgung von Kindern und Jugendlichen, 2024. Zu Abbruchquoten Swift und Greenberg, 2012.
Zu China. Rest of World, Oktober 2025, sowie die dort zitierte Befragung der Plattform Soul mit dem Shanghai Mental Health Center.